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Lust auf Deutschland, Lust auf Bild?

BILD

🇩🇪 Wie die Bild versucht, sich in deutschen Haushalten einzurichten. Und wie zwei unerwartete Steigbügelhalter ihr dabei helfen. Eine Medienkritik.

Die Bild feiert Geburtstag—und beehrt Millionen Haushalte mit einer ungewollten Gratis-Ausgabe ihres Boulevard-Blättchens. Mal wieder. Nur haben die Schelme von der Bild sich diesmal etwas ganz besonderes einfallen lassen: Sie haben es vorher keinem gesagt, vermutlich um die Wellen an Widerspruchserklärungen und Protestbriefen zu verhindern, die es beim letzten Mal gab.

Und so war ich, wie wohl viele andere arglose Menschen in diesem Land, sehr überrascht, als ich heute in den Briefkasten blickte: „LUST AUF DEUTSCHLAND“, strahlte mir da in schwarz-rot-gelbem Fettdruck entgegen. Ebenso wie eine zopftragende, biertrinkende Blondine im ebenfalls schwarz-rot-gelben Strand-Outfit.

Darunter: „Warum uns die Welt um unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere politische Stabilität beneidet. Und um den FuĂźball sowieso.“ Wahrlich nicht so einfach, sich bei einer solchen Titelseite zu einem Blick auf den Innenteil zu motivieren—aber die Neugier ĂĽberwiegt am Ende doch. Was sich beim Durchblättern darbietet, ist eine bunte Revue aus der Rubrik ‘Vermischtes’, lose und lustlos arrangiert um die Idee einer seltsam aus der Zeit gefallenen Lobeshymne auf dieses unser Deutschland: Da sind die ĂĽblichen Verdächtigen unter den Themen (FuĂźball und Autos), da sind Prominente und ‘Prominente’, die Allgemeinplätze ĂĽber Deutschland heraufbeschwören (Adiletten! PĂĽnktlichkeit!), da ist selbstverständlich und Bild-typisch auch eine ‘Story’ ĂĽber das Covergirl („Sie lächelt und schĂĽttelt ihren wunderbaren Kopf. … Eine Traumfrau.“) Und da sind, durchaus ĂĽberraschend: Martin Schulz. Und Angela Merkel.

Ja, das hat mich dann doch etwas gewundert—zunächst. Denn auf den zweiten Blick ist natürlich Wahljahr, und was könnte den beiden Kanzlerkandidaten mehr gelegen kommen als eine Bühne zur Selbstdarstellung, geliefert frei Haus an einen Gutteil des Wahlvolks? Eben.

Und so kann Herr Schulz auf der letzten Seite des ‘redaktionellen’ Teils in Vollfarbe Wahlwerbung betreiben, und besonders dem Nationalstolz der Leser- und Wählerschaft schmeicheln. „Deutschland ist ein starkes Land“, schreibt er nicht weniger als fĂĽnfmal in seinem knapp gehaltenen Text. Zugegeben, es geht um die aktuell immer wieder gestellte Frage, ob Deutschland (in welcher Weise auch immer) „zu stark“ fĂĽr Europa sei („NEIN!“, meint Schulz). Dennoch kann einem bei all der Vitalität und kraftstrotzenden Dominanz unseres Landes, die der SPD-Kanzlerkandidat seiner Leserschaft hier vor Augen fĂĽhrt, schon ein wenig schwindelig werden.

Wie gut, dass es bei der amtierenden Bundeskanzlerin beschaulicher zugeht. Auf Seite 2, gleich neben dem Editorial, darf sie auf die Frage „WAS IST DEUTSCH?“ antworten. Und das im Wörterbuch-Stil, wie nett. Unter dem Buchstaben W findet man dann etwa „Weihnachtsgebäck“ und „Wandern“, unter S zum Beispiel den „Sportverein“ und die „Spielzeugeisenbahn“. Allerdings, so fair sollte man der Integrationskanzlerin gegenĂĽber sein, sind fĂĽr sie – Buchstabe M – etwa auch „Muslime“ und „Migrationshintergrund“ deutsch. Sympathischer als die Schulz’sche Kraft-Rhetorik ist das allemal, aber substantieller dann leider doch nicht. Sicher, viele der Einträge in Merkels Deutschland-Wörterbuch sind irgendwie nachvollziehbare Bestandteile deutscher Fremd- und Selbstwahrnehmung (auch wenn die Kanzlerin nicht vor Klischees zurĂĽckschreckt; der erste Eintrag unter O etwa lautet „Ordnung“). Aber: Was, auĂźer wohlfĂĽhlpatriotischer Kuschelei, soll das ganze?

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Das waren noch Zeiten: Mutti gegen den Party-Patriotismus.

Überhaupt, was soll das ganze Thema dieser Bild-Jubiläumsausgabe? Sollte das Blatt nicht sich selbst feiern, das eigene Schaffen in den Mittelpunkt stellen, oder zumindest die interessantesten Geschichten und Anekdoten aus seiner Bestehenszeit („FÜNF!UND!SECHZIG!JAHRE!“) zusammensuchen? Das auf jeden Fall wäre einleuchtender als eine Ausgabe, die „LUST AUF DEUTSCHLAND“ verspricht.

Wobei die Bild damit natürlich ganz beim Zeitgeist ist: Wir sind Weltmeister, und Export-Weltmeister, und wir bauen die besten Autos, jawoll. Vier Sterne! Germany first! – Eine Anbiederungsstrategie, die vielleicht nicht eben elegant, aber womöglich umso effektiver ist. Dabei wäre, wenn es denn schon um unser „großartiges Land“ gehen soll, eines wohl noch effektiver gewesen: eine Antwort auf die Titelfrage zu geben. „Warum uns die Welt … beneidet“? Ich weiß es immer noch nicht.

Um eines jedoch mit Sicherheit nicht: 65 Jahre Bild.

Das Erscheinen der Gratis-Bild passt heute kurioserweise ausgezeichnet mit dem WordPress Daily Prompt zusammen, weswegen an dieser Stelle darauf verwiesen sei.


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