Literature

Über „Die Toten“ nur Gutes

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Japanisches Tanztheater, aufgenommen in den 1910er Jahren. Bildquelle: s.u.

🇩🇪 Christian Krachts Die Toten ist eine Erzählung über die zerstörerische und die schaffende Kraft von Kultur, ausgehandelt vor dem Panorama der Filmwelt in den 1930ern.

„[D]ie Vergangenheit, sie war immer interessanter als die Gegenwart“. Kaum ein Satz fasst das Gesamtwerk Christian Krachts besser zusammen als diese Erkenntnis von dessen Erzählstimme in seinem neuen Roman Die Toten. Kracht, der in seinen Romanen stets eine Faszination für die Vergangenheit, speziell für die jüngere deutsche Geschichte, gezeigt hat, liefert nun eine Erzählung ab, in der historische Figuren auf erdachte Charaktere treffen. Eine Erzählung, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Erzähler und Autor, vor allem aber zwischen Kultur und Individuum, vollends verschwinden.

Die Toten spielt in den 1930er Jahren und folgt den sich aufeinander zu bewegenden Geschichten zweier Protagonisten: Da ist auf der einen Seite Emil Nägeli, ein schweizerischer Filmregisseur, der in Angst vor dem Tod und der Vergessenheit lebt und zugleich mit seinem Dasein als verkannter Künstler hadert. Da ist auf der anderen Seite Masahiko Amakasu, japanischer Angestellter des dortigen Kulturministeriums, der sich, traumatisiert durch die drakonische Erziehung seiner Kindheit, unwissentlich zu einem hochausgebildeten politischen Instrument entwickelt hat. Ein Schweizer und ein Japaner also, deren Leben sich, wie könnte es bei Kracht anders sein, am Deutschen Reich als Kristallisationspunkt treffen: Amakasu plant für sein Ministerium, „eine zelluloidene Achse zu bauen zwischen Tokio und Berlin“. Mittels des Kinos sollen die Großkulturen Deutschlands und Japans ein Gegengewicht zum schädlichen Einfluss Amerikas durch Hollywood schaffen. Und Nägeli soll der künstlerische Leuchtturm dieses Projekts werden, er soll Regie führen bei der ersten deutsch-japanischen Koproduktion.

Kracht erzählt hier also eine Geschichte, die schon auf der Handlungsebene die Funktion und den Einfluss von Kultur auf den Menschen hinterfragt. Der Film wird darin zu einem politischen Instrument, und mit ihm die Kulturschaffenden, -verwaltenden – und zuletzt freilich auch die Rezipienten. Die Kunst verkommt zu einem Ausdruck von Macht und zu einem Mittel ideologischer Erziehung, die dem Individuum verordnet wird. Damit steht sie genauso im Dienste der Herrschenden wie jenes Internat, auf das Amakasu als Kind geschickt worden war und von dem wir erfahren, dass es „eine der erbarmungslosesten Prügelstuben des Kaiserreichs“ gewesen sei: Auch die schulische Erziehung ist Ausdruck einer Kultur – und die Kultur quält, manipuliert, zerstört hier das Individuum.

Zugleich aber zeigt sich im Laufe der Romanhandlung eine andere, dem Vorwurf der Manipulation widersprechende, Seite der Kultur: Es offenbart sich in ihr ein Wert und Sinn schöpfendes Potenzial. Die Leinwand etwa wird zur sprichwörtlichen Projektions- und Interpretationsfläche der menschlichen Seele. Dies wird besonders deutlich am Charakter Nägelis, dessen Existenz in der Kunst ihren womöglich einzigen Außenhalt findet: „Nägeli war noch lange dort im Vorführraum sitzen geblieben, während oben die Leinwand weiß und leer und belanglos leuchtete, als sei ihr und ihm die Bedeutung abhanden gekommen“. Ohne Kunst und Kultur, so scheint Kracht sagen zu wollen, bewegen wir uns im luftleeren Raum.

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Christian Kracht, 2015. Bildquelle: s.u.

Dazu passt, dass Kracht seinen Roman selbst, bei aller dichterischen Freiheit im Umgang mit historischen Fakten und Figuren (es treten u.a. auf: Charlie Chaplin und Fritz Lang), einem strengen formalen Schema unterordnet: Die Toten fällt in drei Teile, die in der Tradition des japanischen Nō-Theaters , und überschrieben sind – jo, ha und kiū. Das Handlungstempo des Nō-Theaters, so erklärt eine von Krachts Figuren in einem halbkaschierten Moment der Metanarration, „solle im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich dann im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, im kiū, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen“. Und eben so ist dann auch die Erzählung aufgebaut.

Die Toten ist ein Roman, der sich der Bedeutung von Kultur, aber auch dem von ihr ausgehenden Druck fortwährend bewusst scheint. Er oszilliert zwischen metaliterarischen Ausbrüchen aus erzählerischer Konvention („Er hat in der Villa seinen Hut vergessen; oje, wenn das mal nicht symbolisch ist“) und Anbiederung an literarische Klassiker (so entlehnt Kracht Motive aus Shakespeare und Tolstoi), zwischen Aufschrei und achselzuckender, lakonischer Akzeptanz des Weltenlaufs. Amakasus große Liebe stirbt „bei einem eher belanglos wirkenden Autounfall in Tokio“ – und kein weiteres Wort wird über sie verloren.

Dass Kracht gelegentlich, im Bemühen um die Betonung der existenziellen Tragweite seines Schaffens, rasiermesserscharf am Schwülstigen vorbeischrammt (so blinken im „überwältigende[n] Zufallsmuster des Nachthimmels“ die Sterne „kompromißlos und indifferent“), sei ihm nicht nur vergönnt; vielmehr ist seine Sprache für gewöhnlich so präzise, zeigt er in seiner beobachtenden Grundhaltung eine solche Luzidität, dass man an diesen Stellen sogar von einer beabsichtigten, selbstironischen Überspitzung ausgehen darf.

Die Toten verlangt dem Leser daher Einiges ab. Das erzählerische Vexierbild, das geprägt ist von einem feinen Sinn für Humor und einem verspielten Bewusstsein seiner eigenen Fiktionalität, lässt keine einfachen, schon gar keine endgültigen Schlüsse zu. Wo etwa Krachts Faserland (1995) noch bei aller Kunstfertigkeit eine gewisse Zugänglichkeit dadurch bewahrte, dass es einen halbwegs zuverlässigen Erzähler und eine halbwegs geradlinige Handlung hatte, wird dem Leser im Figuren- und Erzählstimmenallerlei von Die Toten nichts leicht gemacht. Die eingangs erwähnten Spannungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Erzähler und Autor, zwischen Kultur und Individuum, werden nicht aufgelöst. Sie sorgen aber auch – man möge den Kalauer verzeihen –, für Spannung. Sich mit Kracht in das „Totenreich“ zu begeben, „jene Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich gegenseitig heimsuchen“, ist so vergnüglich und faszinierend wie irritierend.

Ist das Kulturkritik? Geschichtsschreibung? Romantische Nostalgie? Oder doch eher postmoderne Metafiktion? Vermutlich von allem ein bisschen. Ganz offenkundig scheint jedenfalls, dass Kracht die Mysterien seines Romans gar nicht in klassische Interpretationsmuster eingebettet wissen will: Wie anders ist es zu verstehen, dass der Buchstabe H (beziehungsweise der damit verbundene Laut hah) in Die Toten auf enigmatische Weise wiederkehrt und doch stets unerklärt bleibt? Es ist der letzte Laut, den Nägelis Vater auf dem Sterbebett von sich gibt; es ist ein Ruf, den Amakasu in einer Vision vernimmt; es ist der Buchstabe, den eine Figur schließlich auf den Hollywood Hills (Doppel-H!) erklimmt, bevor sie in den Tod stürzt: „Oh, das ist ja kurios, denkt sie: Ein H, exakt so wie in meinem Traum“. Einen Einblick in das Geheimnis dieses Buchstabens jedoch bleibt uns Kracht schuldig. Hollywood, Hamsun, Himmel, Hamlet, Handwerk… Hitler? Kracht spielt nicht nur mit Sprache, mit Geschichte und mit seinen Figuren – er spielt auch mit seinen Lesern, und zwar auf abenteuerliche Weise.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass bei aller Unterdrückung des Individuums, bei allen historischen Gräueln, die ja bei Kracht immer im Hintergrund mitschwingen, in der Kultur, die er seziert, auch eine Chance liegt. Manchmal scheint es fast, als könne er selbst, in den Worten seiner Erzählstimme, „die Pein der Welt und ihre Grausamkeit für kurze Zeit borgen und sie umkehren, sie in etwas anderes, etwas Gutes verwandeln“. Jedenfalls kommt Kracht diesem Kunststück mit Die Toten, seinem bislang ambitioniertesten und eindrucksvollsten Roman, so nahe wie nie zuvor.

Christian Kracht (2016): Die Toten. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch. 212 Seiten.

 


Image credits:
Top picture: Slightly modified detail of “Kagura Dance” by A.Davey, licensed under CC-BY-2.0; photo of author: “
European Voices … Christian Kracht” by Center for the Study of Europe Boston University, licensed under CC-BY-SA-2.0.


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